Apfelessig selber machen: mit Essigmutter in 6 Wochen

Kategorie: Fermentieren

Apfelessig selber machen ist einfach, wenn du eine Sache verstanden hast: Essig entsteht aus Alkohol, nicht aus Zucker. Bei den meisten Anleitungen im Netz sollst du Apfelschalen in Zuckerwasser legen und hoffen. Manchmal wird daraus Essig. Oft wird es ein trübes, leicht saures Apfelwasser mit einer Haut obendrauf, und niemand weiß so genau, was das jetzt ist. Hier steht die Methode, die zuverlässig funktioniert: Apfelwein, eine Essigmutter, ein Glas, ein Tuch und sechs Wochen Geduld.

Was beim Essigmachen passiert

Essig ist das Ergebnis von zwei Fermentationen hintereinander. Erst machen Hefen aus Zucker Alkohol: Aus Apfelsaft wird Apfelwein. Dann kommen Essigsäurebakterien, vor allem aus der Gattung Acetobacter, und machen aus dem Alkohol Essigsäure. Dafür brauchen sie Sauerstoff, deshalb steht ein Essigansatz offen und wird nicht mit einem Deckel verschlossen.

Die zweite Fermentation ist die, um die es hier geht. Die erste kannst du dir sparen, indem du mit Apfelwein anfängst statt mit Saft. Genau das ist der Trick.

Warum Apfelschalen in Zuckerwasser so oft enttäuschen

Die beliebte Anleitung geht so: Schalen und Kerngehäuse ins Glas, Wasser drauf, ein paar Löffel Zucker, abdecken, warten. Das kann klappen. Aber dabei gibt es zwei grundsätzliche Probleme.

Erstens müssen dabei beide Fermentationen nacheinander in einem Glas stattfinden, mit Hefen und Bakterien, die sich zufällig auf den Schalen und in der Luft befinden. Manchmal setzt sich das Richtige durch, manchmal Schimmel. Du hast keinen Einfluss darauf.

Zweitens geht die Rechnung nicht auf. Wenig Zucker ergibt wenig Alkohol, und wenig Alkohol ergibt wenig Säure. Grob gesagt ergibt ein Prozent Alkohol etwa ein Prozent Essigsäure. Mit ein paar Löffeln Zucker auf einen Liter Wasser kommst du auf ein bis zwei Prozent, und das schmeckt eher nach saurem Wasser als nach Essig. Zum Einlegen von Gemüse brauchst du mindestens fünf Prozent Säure. Apfelwein hat fünf bis sieben Prozent Alkohol und bringt dich genau dahin.

Was du brauchst

  • 900 ml Apfelwein oder Cidre, trocken oder halbtrocken, ohne Konservierungsstoffe. Fünf bis sieben Prozent Alkohol sind ideal, mehr als zehn sollte es nicht sein. Stärkeren Cidre verdünnst du mit Wasser.

  • Eine Essigmutter mit etwa 100 ml Starterflüssigkeit. Das sind rund zehn Prozent der Gesamtmenge, und das ist die Faustregel: ein Teil Essigmutter mit Flüssigkeit auf neun Teile Apfelwein.

  • Ein Glas mit weiter Öffnung, etwa 1,5 Liter. Je größer die Oberfläche, desto mehr Sauerstoff, desto schneller.

  • Ein Tuch oder Küchenpapier und ein Gummiband.

  • Einen dunklen Platz mit einer Temperatur von 20 bis 30 °C. Ein Küchenschrank reicht.

Apfelessig selber machen: Schritt für Schritt

  1. Apfelwein ins Glas gießen. Bei mehr als zehn Prozent Alkohol mit Wasser verdünnen, bis du bei sechs bis acht Prozent bist.
  2. Essigmutter samt Starterflüssigkeit dazugeben. Ob die Mutter oben schwimmt oder absinkt, ist egal; die Bakterien sind auch in der Flüssigkeit.
  3. Glas mit dem Tuch abdecken und das Tuch mit dem Gummiband befestigen. Kein Deckel: Die Bakterien brauchen Luft, und Fruchtfliegen sollen draußen bleiben.
  4. Warm und dunkel stellen. Nicht rühren, nicht schütteln. Nach ein paar Tagen bildet sich auf der Oberfläche eine glatte, gallertartige Haut. Das ist die neue Essigmutter.
  5. Ab der zweiten Woche regelmäßig daran riechen. Erst riecht es nach Apfelwein, dann eine Zeit lang nach Klebstoff oder Nagellack. Das ist Ethylacetat, ein Zwischenprodukt, und es bedeutet, dass die Bakterien arbeiten, aber noch nicht fertig sind. Am Ende riecht es scharf und sauer, wie Essig eben.
  6. Nach vier bis acht Wochen probieren. Schmeckt es sauer und nicht mehr nach Alkohol, ist der Essig fertig. Schmeckt noch Alkohol durch, lass ihn stehen.
  7. Essig durch ein Sieb oder ein Tuch abgießen und in saubere Flaschen füllen. Die Mutter und etwa zehn Prozent des Essigs behältst du für den nächsten Ansatz.

Der fertige Essig ist naturtrüb, nicht pasteurisiert und lebt. In der Flasche kann sich mit der Zeit wieder eine kleine Mutter bilden. Das ist normal und kein Grund, ihn wegzuschütten.

Woran du erkennst, ob alles gut geht

Eine glatte, durchscheinende bis milchige Haut auf der Oberfläche ist die Essigmutter. Gut.

Pelzige grüne, blaue, schwarze oder rosa Flecken sind Schimmel. Dann den ganzen Ansatz wegschütten, Glas heiß auswaschen, neu anfangen. Retten lässt sich das nicht. Ein gesunder Ansatz riecht scharf und sauer; riecht er anders, verwende ihn nicht.

Essig mit Kräutern oder Früchten

Fertiger Apfelessig ist ein guter Träger für Aromen, weil er Aromen aus Kräutern, Gewürzen und Schalen herauslöst und bewahrt. Rosmarin, Thymian, Estragon, Knoblauch, Pfefferkörner, Chili oder Zitronenschale in eine saubere Flasche geben, mit Essig aufgießen, verschließen und zwei bis vier Wochen kühl und dunkel stehen lassen. Zwischendurch schütteln, danach abseihen. Das ist das einzige Rezept auf dieser Seite, bei dem der Deckel drauf darf, denn hier soll nichts mehr fermentieren.

Was du mit deinem Apfelessig machst

Das Übliche, nur besser: Vinaigrette mit drei Teilen Öl auf einen Teil Essig, Marinaden für Fleisch und Gemüse, ein Spritzer in Linsensuppe oder Tomatensauce, wenn sie fade schmeckt. Zum Einlegen von Gurken oder Zwiebeln taugt er, sobald er mindestens fünf Prozent Säure hat; das erreichst du mit Apfelwein von sechs Prozent oder mehr. Ob Apfelessig gesund ist, lassen wir hier weg. Hier geht es ums Selbermachen, und selbstgemachter Apfelessig schmeckt einfach besser als gekaufter.

Häufige Fragen

Ja, mit der Essigmutter geht das, es dauert nur deutlich länger und ist weniger sicher. Der Saft muss erst zu Apfelwein vergären, und die Hefen dafür müssen aus der Luft oder aus der Starterflüssigkeit kommen. Rechne mit acht bis zwölf Wochen statt vier bis acht und mit einem etwas höheren Risiko, dass sich Schimmel bildet, weil die Flüssigkeit in den ersten Wochen weder durch Alkohol noch durch Säure geschützt ist. Nimm dann naturtrüben Saft ohne Konservierungsstoffe. Oder du vergärst den Saft erst zwei Wochen mit einer Prise Weinhefe zu Apfelwein und fängst dann mit dem Rezept oben an. Das ist der sicherere Weg.
Nein. Eine Apfelessigmutter macht auch Weinessig, Bieressig oder Honigessig, und eine Weinessigmutter macht Apfelessig. Den Bakterien ist die Herkunft egal, und schmecken wirst du den Unterschied nicht. Nur die Farbe überträgt sich: Eine Mutter aus Rotwein- oder Sherryessig färbt einen hellen Essig leicht. Nimm für den nächsten Ansatz die neue Mutter, die oben auf dem fertigen Essig schwimmt. Gewöhne sie langsam an die neue Flüssigkeit: erst eine Mischung aus gleichen Teilen, dann nur noch die neue.

Mehr zum Thema: Essig selber machen

Weinessig, Sherryessig, Balsamico und für Neugierige Tee-, Kombucha- oder Kaffeeessig: Im Online-Workshop „Essig selber machen“ erklärt Meneer Wateetons, wie die doppelte Fermentation funktioniert, wie du sie steuerst und was du dabei alles ausprobieren kannst.

Hier gibt es die lebende Essigmutter für den ersten Ansatz, mit 100 ml Starterflüssigkeit: Essigmutter kaufen. Sie wurde vom Hersteller auf Krankheitserreger getestet.

Meneer Wateetons Kombucha

Über Meneer Wateetons

Meneer Wateetons (ein von seinem Blog-Namen abgeleitetes Pseudonym, das wörtlich ‘Herr was-uns-isst’ bedeutet) ist ein renommierter niederländischer Food-Autor, promovierter Wissenschaftler, Lehrer, Fermentationsexperte, Wurstmacher und der Inhaber von startercultures.eu.

Er hat 9 Bücher über kulinarische Themen wie Fermentation, die Herstellung von Alkohol, Wurst- und Charcuterie-Herstellung und das Frittieren geschrieben. In seinen Büchern, (Online-)Kursen und Firmentrainings hat er sein Wissen an zahlreiche Hobbyköche, Köche und Food-Profis weitergegeben. Mehr über Meneer Wateetons.

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